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Vespa - Ein Scootermodell macht Geschichte E-Mail
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Geschrieben von Administrator   
Freitag, 15. Juli 2005

Den zwei Männern, die im Sommer 1945 über Konstruktionszeichnungen brüteten, wäre sicher nicht im Traum die Idee gekommen, daß sie gerade einem Mythos Gestalt verliehen. Corradino d'Ascanio und sein Zeichner Mario d'Este hatten lediglich den Auftrag, ein motorisiertes Zweirad zu entwickeln - leicht zu fahren, einfach aufgebaut, preisgünstig zu produzieren. Arbeit sollte es schaffen und Mobilität ermöglichen. Von Lifestyle hatte ihr Auftraggeber Enrico Piaggio nichts gesagt. Doch es kam anders. Die Vespa war zwar praktisch, aber sie faszinierte besonders durch ihre Eleganz. Als Musterbeispiel für gute Gestaltung eines Industrieprodukts fand sie ihren Platz im New Yorker Museum of Modern Arts, und die Zeitschrift "Fortune" zählte sie schon 1961 zu den 100 klassischen Designs des 20. Jahrhunderts.  Nicht überlegene Technik, sondern ihre gänzlich untechnische Ausstrahlung lud die Menschen ein, sich einem Vespa-Sattel anzuvertrauen - darunter viele, die sich nie auf ein Motorrad gesetzt hätten. Was die Vespa auszeichnete, waren ihre fliessenden, gern als weiblich beschriebenen Formen, die den Fahrer noch heute schützend umschliessen und leichtfüssige, unbeschwerte Fortbewegung verheissen. Keine völlig neue Tendenz im Jahr 1946, wenn man an das Tropfen-Design stromlinienförmiger Luxuswagen aus den dreißiger Jahren denkt, und dennoch im Trend: Ein Jahr später stellte der Modezar Dior in Paris die Wespentaille vor, die Nierentisch-Ära folgte.  Das Spiel der Rundungen und Durchblicke der Vespa findet Entsprechungen sogar in abstrakten Plastiken von Henry Moore und Hans Arp. Doch gute Form allein macht noch kein erfolgreiches Produkt. Bereits Jahrzehnte vor dem Anbruch einer Epoche, die im Namen des Marketings noch den letzten Müsliriegel mit einer Botschaft ausstaffiert, entstand um die Vespa eine eigene Philosophie. Leichtigkeit und Beweglichkeit waren ihre Schlüsselbegriffe. Der filigrane, fahrradähnliche Lenker der ersten Baujahre war Strategie und sollte die Mühelosigkeit des Vespafahrens unterstreichen. Mehr als das technische Produkt wurden Menschen, ihre Wünsche und Sehnsüchte zum Angelpunkt der Vespa-Werbung. So konnte ein Anzeigenmotiv den Roller unter dem auf ihm sitzenden Paar einfach weglassen und verkünden: "Zu ihrem Glück fehlt nur die Vespa".  Zu Piaggios Glück fanden Millionen Menschen, dass ihnen eine Vespa fehlte. Arbeiter und Ärzte, Priester und Kaufleute, Beamte und Filmstars schwangen sich auf den Roller. Die Vespa motorisierte den italienischen Klerus und bekam Audienz beim Papst. Natürlich spielte sie in Filmen mit, in "Roman Holiday" sogar die dritte Hauptrolle. Sie war der Star unter den Stars in der ersten italienischen Fernsehübertragung und ein Symbol der sozialen Abgrenzung englischer Mods von den proletarischen, motorradfahrenden Rockern im "Who"-Musikspektakel "Quadrophenia". Noch 1995 kurvte Gianni Moretti auf seiner schwarzen Vespa durch den Rom-Film "Liebestagebuch". Die Zahl der Stars und Prominenten, die sich auf einer Vespa ablichten liessen, ist Legion - von John Wayne bis Helmut Kohl. Lebensfreude verströmten seit 1951 die Vespa-Kalender, deren erste Jahrgänge Sammlern als Ikonen gelten.  Dazu kamen Sporterfolge, Rekorde und spektakuläre Expeditionen. Vespa-Clubs veranstalteten internationale Treffen mit Tausenden von Teilnehmern. Kaum irgendwo fand die Europa-Idee grössere Resonanz. Schliesslich fiel die Vespa unter die Literaten - mit seinen Büchern setzte ihr Peter Roos ein poetisches Denkmal. Ausgeschlafen: Vespa-Fahrer dürfen später aufstehen und kommen frischer an. Da gibt's nur eines: "Vespisiert euch!"

Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 6. April 2008 )
 
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